Die jährliche Auslese
Die Grundregeln der Selektion
Genauso wie der Steuermann sein Schiff aufmerksam durch die Wellen lotsen muss, müssen auch wir unseren Bestand mit der nötigen Aufmerksamkeit unter
Kontrolle halten, um nicht steuerlos im Land der “Stümper” zu landen. Ihr werden jetzt sagen, dass es auch in der Natur bei den Vögeln eine Auslese gibt, durch die kranke oder schwache Tauben
ausgemerzt werden. In gewissem Sinn ist der Reisekorb für die Tauben derjenige, der die Auslese trifft. Und in der Tat ist der Reisekorb ein gewaltiger Klassifizierer, aber häufig auch ein
schlechter Klassifizierer, weil er manchmal die besten Tauben verurteilt, aus denen der Liebhaber mit ein bisschen Verstand den größten Nutzen in der Zucht oder häufig auch auf den Flügen oder
sogar bei beidem hätte ziehen können...
Ich kann Euch hunderte von Beispielen von Tauben nennen, die als Jungtauben oder Jährige absolut keine Leistungen brachten und sich später zu echten Cracks
entwickelten.
Und wie viele Tauben waren auf den Flügen nichts wert und wurden doch hervorragende Zuchttauben. Kommt es nicht auch vor, dass von zwei Vögeln aus demselben
Gelege der eine sehr gut fliegt und der andere eher schlecht, dass jedoch der Letztere am besten züchtet?
Wer von Tauben so wenig weiß, dass er sich bei der Auslese nur auf den Reisekorb verlassen kann, ist zu bedauern, denn dann werden viele gute Tauben bei ihm
sterben müssen, und zwar weil sie meistens nicht die Gelegenheit bekommen haben, ihren Fähigkeiten entsprechend zu fliegen. Vielleicht weil sie nicht in Form war, vielleicht weil ihr Besitzer
nicht in der Lage war, sie genügend zu motivieren, was immer der Fall ist, wenn sich eine Taube nicht an ihren Schlag oder ihre Nistzelle gebunden fühlt.
Das zeigt sich zum Beispiel, wenn eine Taube einem stärkeren Gegner immer unterlegen ist oder gegen ihren Sinn gepaart ist.
Wir wollen einmal zusammen überlegen.
Selbstverständlich muss jeder die Auslese aufgrund der Möglichkeiten, die er in seiner Gegend hat, machen.
Es ist sinnlos, lauter Kurzstreckentauben zu halten, wenn man nur auf Flügen weiter als 600km oder Mittelstrecke spielen kann. Das Entgegengesetzte ist
genauso logisch. Es gibt in der Tat Tauben, die nur für die Kurzstrecke geeignet sind, während andere wenig Schnelligkeit, aber dafür viel Durchhaltevermögen haben. Wenn man sich also
spezialisiert, muss man auch dementsprechend auslesen.
Es wird schon mal von einer Taube gesagt, dass sie alles kann, egal ob es Kurz- oder Weitstrecke ist. Ja, es gibt solche Ausnahmetauben, aber sie sind sehr
selten. Meistens ist es jedoch so, dass sie sich auf der Kurzstrecke nur bei hartem Wetter auszeichnen. Als Kurzstrecke bezeichnen wir die Flüge, die nicht weiter als 300 km aufgelassen werden.
Wenn man alle Tauben ausmerzen müsste, die nicht auf allen Entfernungen Preis fliegen, würden sicherlich nur wenige übrig bleiben. Bei der Beurteilung müssen wir das berücksichtigen. Wir müssen
also die Eigenschaften der Taube in Zusammenhang mit ihren Fähigkeiten auf kürzeren oder längeren Entfernungen, bei leichtem oder schwerem Wetter analysieren.
Wollen wir einen Standard aufstellen?
Nicht den klassischen Standard, sondern einen “Spezialisierungsstandard”?
Nicht anhand von Punkten sondern durch die Zusammenstellung aller Eigenschaften, die eine gute Taube für eine bestimmte Spezialisierung
benötigt.
Der klassische Standard genügt übrigens nicht, er hat keine Bedeutung!
Der Beweis?
Beste Tauben gewinnen bei Standardbeurteilungen keinen Preis, und wer ausschließlich Standardtauben hat, macht häufig nur mühsam einen Preis. Können wir
einen gewissen Niedergang des weltberühmten Schlages von Paul Sion, der einer der Begründer des Standards ist, nicht der Standardmethode zuschreiben?
Das Gewicht, das Volumen, die vor die Nerven, den Verstand, die Beweglichkeit gesetzt werden, kurzum, die Schnelligkeit an die zweite Stelle zu setzen, auch
der “Schönheit” gegenüber der hässlichen “Härte” der Taube den Vorrang zu geben: Alles falsch!?
Das ist auch die Ursache für das Fiasko des Standards in der Praxis:
Die zusätzlichen Qualitäten, die, wenn sie übertrieben sind, zu Mängeln werden und gegenüber den unentbehrlichen Qualitäten überbewertet werden. Denn
schließlich zählen doch nur die Eigenschaften, die zu Schnelligkeit und Ausdauer, gepaart mit Intelligenz und Willenskraft führen. Eine gute Taube muss auch nicht nur über alle Qualitäten, also
über alle unentbehrlichen Eigenschaften verfügen, diese Eigenschaften müssen auch harmonisch aufeinander abgestimmt sein, sie sind voneinander abhängig. Es ist also auch alles eine Frage des
Verhältnisses.
Wir würden also eine gute Taube folgendermaßen bestimmen:
Es ist ein harmonisches Zusammenspiel aller Eigenschaften, die zu Schnelligkeit und Ausdauer im Dienste einer einfallsreichen Willenskraft führen. Flügel,
Muskeln, Knochenbau sind leicht zu beurteilen. Schwieriger ist es, Herz, Lunge, Leber zu untersuchen, und dennoch, wenn man es kann, kann man Informationen von unschätzbarem Wert daraus ziehen.
Man kann sozusagen mit Sicherheit bestimmen, was eine Taube kann. An anderer Stelle werden ich noch ausführlich über diese Punkte schreiben.
Dass der Flügel biegsam sein muss, wird jeder Leser von “Het Duivensport” wissen, doch was viele nicht wissen, ist, dass ein Flügel, der steif zu sein
scheint, doch biegsam sein kann. Was ist die Biegsamkeit des Flügels? Es ist die reibungslose Zusammenarbeit von Muskeln und Gelenken.
Ein Flügel muss Muskeln haben, und man fühlt die Muskeln bis zu der Stelle, wo die letzte Feder im Fleisch steckt. Ein Flügel kann biegsam sein und doch
“tot”, ohne die geringste Elastizität.
Das bemerke ich jedenfalls immer, wenn ich einen schwach bemuskelten Flügel in der Hand habe. Dicht am Körper, dort wo der Flügel fest sitzt, fühlt man die
Muskeln gut. Diese müssen sehr geschmeidig sein, genau wie die Gelenke, doch manche Tauben ziehen die Flügel an, wenn man sie in die Hand nimmt, und damit betrügt man sich selbst. Die Hauptsache
ist, dass der Flügel gut “anliegt”, dass die Schultern nicht zu knochig hervorstehen, dass die Flügelgelenke eine Einheit bilden und dass die Federn gut übereinander liegen.
Man muss unterscheiden zwischen einem Flügel, der anliegt (und doch geschmeidig sein kann) und einem Flügel der “wringt” (der nicht gut anliegt). Versteht
Ihr das...
Vor einigen Jahren wurde ziemlich viel Gerede über die Theorie von Ingenieur Boel gemacht, der behauptete, dass bei einer Taube zwischen Flügeloberfläche
und Körpergewicht ein Verhältnis von 9 kg zu einem Quadratmeter Tragfläche herrschen muss. Nur dann wäre die entwickelte Schnelligkeit am höchsten.
Um zu diesem Verhältnis zu kommen, sollte man - so behauptete er - in der Regel ein Stück vom Flügel, und zwar von den Federn am Hinterflügel
abschneiden.
Auch unser Freund Ernest Duray denkt, dass in dieser Hinsicht etwas ausprobiert werden müsste, allerdings nicht, indem man die Spitze des Hinterflügels
beschneidet, sondern indem man die Tauben so paart, dass man “schnelle” Flügel bekommt.
Es steht in der Tat fest, dass eine Taube mit wenig tragendem Hinterflügel viel schneller mit den Flügeln schlagen muss, um in der Luft zu bleiben und also
schneller fliegt, weil die äußeren Federn antreibend arbeiten und Schnelligkeit bringen.
Aber andererseits belastet mehr Arbeit des Flügels auch das Herz stärker.
Sehr treffend war darum die Bemerkung, die der Bergsteiger und Taubenzüchter Felicien Vervaecke machte, als er über die Muskelkraft, die beim Bergsteigen
erforderlich ist, sprach:
Das Können beim Bergsteigen hängt von der Stärke des Herzens ab. Die Muskeln versagen nicht, aber das Herz kann nicht durchhalten.
Sehr richtig!
Das Herz spielt übrigens bei der Ermüdung die größte Rolle, und aus diesem Grund dürfen wir als allgemeine Regel annehmen, dass eine Taube mit großem
Hinterflügel besser geeignet ist, um lange zu fliegen, weil der Hinterflügel besser trägt, während ein gut entwickelter Vorderflügel eher die Schnelligkeit erhöht und darum mehr für
Kurzstreckenflüge geeignet ist, bei denen die Anstrengung, die vom Herzen gefordert wird, nicht so langfristig ist. Dass ein Flügel dicht befiedert sein muss, brauche ich sicher nicht zu
erwähnen.
Es ist selbstverständlich, dass die Federn unter dem Flügel so lang und so zahlreich wie möglich sein müssen, so dass der Flügel ein weiches Ganzes bildet.
Auch die Deckfederchen auf dem Flügel, vor allem die, die die Schwungfedern bedecken, müssen lang und breit sein.
Und hier ist mein Urteil über gespaltene Schwungfedern.
Sie schaden wenig oder nichts, wenn nur die drei oder vier kleinsten Flügelfedern leicht gespalten sind. Sogar bei unserem “Kaers” sind diese Federn
gespalten. Wenn die großen Schwungfedern jedoch stark gespalten sind, werden diese Tauben bei echtem Taubenwetter kaum einen frühen Preis fliegen, und sie können für diese Flüge als stark
gehandikapt angesehen werden. Ursachen für diese gespaltenen Federn sind übertriebenes Züchten, schwere Flüge, schlechte Fütterung oder Blutarmut. Im letztgenannten Fall ist die Erscheinung
meistens erblich, vor allem, wenn die Mutter sie hat. Der bekannte Klassifizierer Gust De Mulder, auch “Wittenboer” genannt, der ganz bestimmt viel Erfahrung hat, versichert, dass Weibchen mit
gespaltenen Schwungfedern zu 99 % nichts wert sind.
Das ist auch meine Meinung, mit der Außnahme, dass dieser Fehler durch große Anstrengungen während der Zucht oder auf den Flügen verursacht wurde, denn dann
ist es kein Fehler, der in der Familie liegt. “Gezeichnete” Schwungfedern haben nicht den geringsten Einfluss auf die Leistungen der Taube.
Das ist ohne Bedeutung, genau wie Schwungfedern, die wegen eines schlechten Fluges nicht einwandfrei nachgewachsen sind.
Klassifizierer, die behaupten, dass man eine Taube erst dann wieder spielen kann, wenn so eine Schwungfeder ausgefallen ist, beweisen damit nur ihren
totalen Mangel an Erfahrung...
Meine Meinung über den offiziellen Standard wird den Verfechtern der Standardbeurteilung sicherlich nicht gefallen, doch es gibt erstaunliche Beweise dafür,
dass ich richtig liege. Ich will nicht sagen, dass es für die Schönheit der Rasse nicht wünschenswert wäre, wenn alle Spitzenflieger einen Körper hätten, der dem Standard entspricht, aber das ist
nun einmal nicht der Fall. Übrigens treffen Schönheit und Sport nur selten aufeinander, weil man von Schönheit ein falsches Bild hat.
Besser kann ich es auch nicht sagen als dieser Ausspruch eines alten Schnellläufers und Arztes: “Wenn ich früher am Start zu einem Lauf einen gut gebauten,
attraktiven Athleten auf mich zukommen sah, fürchtete ich diesen viel weniger als einen sehnigen mit krummen Beinen und grimmigen Gesichtszügen...”
Meinte Charles Bremdonckx nicht dasselbe, als er einem Reporter sagte: “Eine schöne Taube ist so gefährlich wie eine schöne Frau!”
Auf jeden Fall bleibe ich bei dem Vorhaben, meinen Stammtisch-Besuchern und Lesern einen Dienst zu erweisen, indem ich sie davor warne, sich von der
Schönheit einer Taube blenden zu lassen und ihnen die echten unentbehrlichen Sportqualitäten aufzeige.
“Woran erkennt man, ob eine Taube gute Muskeln hat?” werde ich in hunderten von Mails oft gefragt.
Eine Taube, deren Körper rund ist, ist nicht immer gut bemuskelt. Sie kann auch fett sein, und das merkt man an der schnelleren Atmung. Nichts ist so
einfach zu fühlen. Wenn man eine Taube in der Hand hält, fühlt man wie der Bauch auf und ab geht.
Das ist die Atmung.
Wenn eine Taube kein Fett hat, spürt man die Atmung nicht so stark. In dieser Verfassung muss man eine Taube beurteilen. Man kann am besten fühlen, ob eine
Taube gut bemuskelt ist, wenn man sie ein paar Tage hat fasten lassen. Wenn sie dann entlang des Brustbeins und den Hüften sehr abgemagert ist, darf man von so einer Taube nicht viel
erwarten.
Wenn eine Taube von einem schweren Flug zurückgekommen ist, muss man sie zu allererst in die Hand nehmen, um zu sehen, wie stark sie abgemagert ist. Wenn
die Muskeln noch gut zu fühlen sind, kann man sie - auch wenn sie einen ganzen Tag lang geflogen hat - am nächsten Sonntag wieder mitgeben, denn das ist ein Beweis, dass das Muskelgewebe nicht
verbrannt wurde und dass Herz, Blut, Leber und Lunge in bester Verfassung sind und nicht überanstrengt wurden.
Das sollte jeder Züchter wissen, lieber Stammtisch-Besucher, dass ein Muskel sich selbst aufzehrt, wenn das Herz nicht genügend gereinigtes und mit
Nährstoffen beladenes Blut zu den Muskeln bringt.
Diese ungenügende Reinigung rührt daher, dass Lunge und Leber nicht so arbeiten, wie sie müssten. Das alles steht miteinander in enger Verbindung, so dass
die Beurteilung der Taube bei der Heimkehr beinahe unfehlbar ist!
Es kommt schon mal vor, dass eine Taube nicht auf den Beinen stehen kann, wenn sie nach Hause kommt oder dass sie Krämpfe in den Füßen hat. Das ist jedoch
kein Grund, die Taube pausieren zu lassen, Voraussetzung ist jedoch, dass die Muskeln nicht “abgemagert” sind.
Wenn Ihr jedoch bemerken solltet, das alle Eure Tauben abgemagert nach Hause kommen, können Ihr überzeugt sein, dass sie krank oder jedenfalls alle außer
Form sind und eine regenerierende Ruhekur nötig haben...
Ihr sehet, "hoffe ich nun" dass man den allgemeinen Zustand der inneren Organe wie Herz, Lunge und Leber beurteilen kann, indem man die Taube nach einem
Flug untersucht.
Im Winter gibt es keine Flüge, wirst du jetzt sagen...
Richtig, aber lasse deine Tauben dann zwei Tage lang fasten.
Es ist zwar nicht dasselbe, aber du wirst dann doch fette und bemuskelte Tauben nicht verwechseln.
Zum Schluss dieses Artikels noch ein guter Rat:
Wenn du Liebhaber bleiben willst, dann beurteilen deine Tauben bei der Heimkehr. Das ist der beste Gradmesser für dienen Schlag.
Nichts ist von größerer Bedeutung als das Knochengerüst einer Taube.
Es steht in Zusammenhang mit der Größe und dem Gewicht der Taube. Die Hauptsache ist die Festigkeit des Knochengerüstes. Es muss einen Stoß vertragen können
wie das Chassis eines guten Autos. Wenn man mit dem Daumen hinten auf den Rücken und mit den Fingern unter dem Brustbein gegen die Legebeine drückt, darf die “Karkasse” so wenig wie möglich
nachgeben.
Dasselbe gilt, wenn man mit Daumen und Zeigefinger die Schultern zusammendrückt.
Die Festigkeit des Brustkastens ist also leicht zu fühlen. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass man immer die Größe und das Gewicht der Taube
berücksichtigen muss.
Eine kleine leichte Taube mit einem festen Knochengerüst wird viel stärker sein als eine schwere Taube mit genauso festem Knochengerüst.
Betrachte das Brustbein.
Wenn es so schmal wie ein Messer ist, solltest du eine große Taube ohne zu zögern beiseite setzen. Handelt es sich aber um eine kleine Taube mit festen
Knochen, kann es doch eine gute Taube sein.
Was auch so dick wie möglich sein muss, das sind die Flügelknochen. Ein Flügel mit dünnen Knochen ist ein schlaffer Flügel.
Äußerst aufschlussreich um die Stärke, die Ausdauer und den Grad des Verschleißes einer Taube zu beurteilen, ist auch die Untersuchung der sichtbaren Organe
in der Kehle:
Zunge (die Zunge selbst und die Lage), Luftröhrenöffnung, Gaumenspalte, Mandeln und die Farbe von allem zusammen.
Frans Van Linden hatte das große Verdienst, immer wieder auf diesen Punkt hinzuweisen.
Viele seiner anderen Theorien sind nicht stichhaltig, aber wir geben ihm gern, was ihm gebührt, obwohl der Herr Wittock schon vor ihm darauf hingewiesen
hat, allerdings nicht mit ebenso großem Nachdruck.
In aller Kürze will ich hier sagen, wie der Schnabel einer normalen Taube innen aussehen muss:
Die Zunge muss tief und ruhig im Unterschnabel liegen, die Öffnung der Luftröhre dahinter muss länglich und schmal sein, die Ader muss hinter den Mandeln
sichtbar sein, was beweist, dass diese nicht entzündet sind. Wenn die Öffnung der Luftröhre rund ist und Äderchen zu sehen sind, wenn die Zunge geschwollen und entzündet ist und hoch im Schnabel
liegt, wenn die Mandeln geschwollen und rot entzündet sind, dass die Zähnchen darunter kaum sichtbar sind, wird die betreffende Taube nur mit Mühe und auch nur bei leichtem Wetter einen Preis
gewinnen.
Wenn die Gaumenspalte nicht offen sind, hat das keine große Bedeutung, vorausgesetzt, dass sie sich beim Fliegen öffnen.
Betrachte eine Taube nach dem Flug:
Die Gaumenspalte ist dann offen. Hauptsache ist, dass die Öffnung hinter der Spalte sauber und nicht mit Schleim “verstopft” ist. Doch man muss vorsichtig
zu Werke gehen, wenn man eine Taube anhand ihrer Kehle beurteilt. Tauben, die zu gut gefüttert sind oder die auf einem sehr kalten Schlag sitzen, haben keine gesunde Kehle...
Wenn deine Tauben Probleme mit entzündeten Kehlen haben, gibst du ihnen einige Tage lang Buttermilch mit Honig zu trinken und leichtes
Futter.
Ist die Kehle danach noch immer entzündet und nicht normal, ist Verschleiß der Organe im Spiel. Auf kurzen Flügen bei leichtem Wetter kann dann wohl noch
ein Preis gewonnen werden, aber das ist auch alles. Tauben mit dem besten Flügel, den kräftigsten Muskeln und dem stärksten Knochen können dann viel weniger als ein unscheinbares Täubchen mit
gesunden Organen!?
Was das Herz der Taube betrifft, so kann man durch Abhören der Herztöne feststellen, ob es ohne Schädigungen ist und durch Wahrnehmung des Rhythmus', ob es
regelmäßig arbeitet oder nicht, aber das ist Sache von Spezialisten, wobei selbstverständlich ein Stethoskop benutzt werden muss. Wir können sagen, dass der Grad der Beschleunigung des
Herzschlages bei einer Anstrengung in Zusammenhang mit der guten oder schlechten Funktion der Organe steht.
Wer keinen guten Hammer hat, muss oft auf den Nagel schlagen, um ihn ins Holz zu treiben. Wenn das Herz nicht gut arbeitet, muss es öfter schlagen, aber
dann ist es auch schnell ermüdet.
Das kann man selbst schnell merken, indem man den Pulsschlag fühlt. Dieser darf nicht zu schnell und nicht zu wenig fühlbar sein. Man merkt vor allem, dass
etwas nicht in Ordnung ist, wenn eine Taube ohne Gewicht von einem Flug zurückkehrt. So eine Taube ist schnell verschlissen und wird dann nur noch schwerlich einen Preis machen. Wenn die Muskeln
verbrennen (sich auflösen), ist das ein Zeichen dafür, dass das Herz ungenügend arbeitet und den Muskeln die erforderlichen Nährstoffe nicht in genügender Menge oder nicht genügender Qualität
durch das Blut zugeführt werden können.
Die Beschaffenheit des Blutes ist schlecht, wenn Leber und Lunge ungenügend arbeiten. Will man Herz und Leber schonen, darf man nicht zu viel füttern. Man
darf die Tauben nicht fett werden lassen, denn dann werden von Herz und Leber zu große Anstrengungen gefordert.
Die Adern sind dann nicht mehr so frei, und das Herz muss dann übermäßig pumpen.
Manchmal muss man leider feststellen, dass es Liebhaber gibt, die ihre Tauben im Winter schlecht versorgen. Nicht dass sie schlechten Willens wären, aber
sie denken nicht nach.
Einer ahmt den anderen nach, ohne groß zu überlegen. Viele Tauben kommen im Sommer nicht in Form, weil sie zu fett sind. Eine Taube darf nicht hart sein,
aber auch nicht fett, was man schnell an der beschleunigten Atmung merkt. Fett ist weiß oder gelblich gefärbt und lagert sich zwischen dem anderen Gewebe ab. Gesundes Blut und gesundes
Muskelgewebe sind rot.
Tauben, die leicht fett werden, muss ich nicht haben. Das ist häufig ein Zeichen für den Verfall einer Rasse, die keinen Sportwert mehr hat. Oft liegt der
Fehler auch beim Züchter, wenn er zu viel füttert. Das Fettgewebe wächst dann zum Nachteil der Muskeln und der einwandfreien Funktion der Organe. Die Lunge und die Luftsäcke sind nicht mehr frei
und der Blutkreislauf wird träge. Dann wird die Taube bei jede Anstrengung die von ihr verlangt wird, schwer belasten! Man hört die Liebhaber dann sagen: Meine Tauben wollen nicht fliegen, sie
sitzen immer auf dem Dach. Viele Schläge sind in dieser Lage.
Was ist dann zu tun?
Ich raten dann zu Training und einem strengen Fütterungssystem.
Einerseits müssen die Tauben regelmäßig trainieren, bis das Fett geschmolzen ist und die Muskeln wieder zu fühlen sind, und andererseits muss die Fütterung
der Jahreszeit angepasst werden und blutreinigende Mittel in die Tränke gegeben werden wie zum Beispiel einige Tage lang ein Tee aus Salsaparillewurzeln und Taubnesseln.
Wie merkt man, ob das Gewicht einer Taube auf Fett oder auf die Entwicklung von Muskelgewebe zurückzuführen ist?
Bei einer fetten Taube ist der Körper weich und lose, auch die Muskeln sind bleich und lose, der Bauch ist rund und steht vor, die Legebeine stehen weit
auseinander und vor allem die Atmung ist sehr schnell. Man kann sich nur schwer ein Bild davon machen, welche kolossalen Anstrengungen dann von Herz und Leber gefordert werden. So braucht es uns
auch nicht zu wundern, dass so eine Taube im Sommer keine Leistung bringt und höchstens an wenigen Sonntagen in Form ist.
Ihr seht also, liebe Stammtisch-Besucher, dass es unbedingt erforderlich ist, die Tauben das ganze Jahr über vernünftig und gut zu
versorgen.
Fußnoten: Merksätze für alle "WZG" Mitglieder sehr wichtig...
(1) Dass der Korb auch ein schlechter Klassifizierer sein kann, weil er manchmal die besten Tauben verurteilt, wollen viele Liebhaber nicht wahr haben, und doch ist es eine Binsenweisheit.
Noël De Scheemaecker, der schon in sehr jugendlichem Alter vom Taubensport fasziniert war und alles auf seinem Schlag genau beobachtete und analysierte, hat das immer wieder festgestellt.
(2) Es ist eine Tatsache, dass es Tauben gibt, die sich sowohl auf der Kurz- als auf der Weitstrecke ausgezeichnet behaupten. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass die Konkurrenz
auf der Kurzstrecke nicht überall gleich stark ist, wodurch es natürlich für manche Weitstreckentauben einfacher ist, sich auf der Kurzstrecke auszuzeichnen, was in Hochburgen der Kurzstrecke
natürlich nicht so einfach ist. Darum ist es übrigens wichtig, sich immer über die Konkurrenz zu informieren, bevor man sich irgendwo Tauben anschafft.
(3) Der Charakter einer Taube ist für den Wert einer Taube wichtiger denn je. Ohne Willenskraft kann sie nicht voraus fliegen oder außergewöhnliche Leistungen vollbringen, denn jeder Züchter
besitzt heutzutage Tauben, die “es können”. Das darf man nicht vergessen!
(4) Es ist ein wenig verwunderlich, was Noël De Scheemaecker bereits 1937 über die Standardbeurteilung schrieb. Es gibt jedenfalls sehr viele Tauben, die in der Hand nicht viel hergeben, die
aber auf den Flügen echte Cracks sind. Das “Zotteke” der berühmten Nachkriegs-Schlaggemeinschaft Huyskens-Van Riel aus Ekeren ist ein Musterbeispiel dafür.
(5) Man kann sich die Frage stellen, ob es wirklich empfehlenswert ist, Tauben einige Tage lang kein Futter zu geben. Eine gesunde Taube wird übrigens nicht viel Gewicht verlieren, wenn sie
einige Tage nichts frisst. Darüber hinaus gibt es andere, zweckmäßigere Methoden, um Tauben zu beurteilen.
(6) Der Knochenbau ist zweifellos eine der wichtigsten körperlichen Eigenschaften der Taube. Wir denken an ein kräftiges dickes Brustbein, gut geschlossene kräftige Legebeine und einen eng am
Körper anliegenden Flügel, aber das war für Noël De Scheemaecker vor siebzig Jahren auch schon von Bedeutung.
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longdistance-pigeons-jung (Mittwoch, 09 Oktober 2013 22:25)
Hallo Max
Das ist ein wirklich wertvoller Beitrag, den ich bestimmt heute nicht zum letzten mal gelesen habe.
Leider konnte ich diese Jahr nur noch das beurteilen, was der Greif mir übrig gelassen hat.
coersmeier (Samstag, 12 Oktober 2013 15:06)
Hallo Max!
Nachdem ich diesen Artikel nun aufmerksam gelesen habe, muss ich als Anfänger mal wieder feststellen, wie komplex doch unser Hobby ist. Dieser Beitrag befasst sich ja einer "ganz kleine Facette" im Brieftaubensport, der Auslese. Wenn man jetzt überlegt, wie viel verschiedene Punkte von dir in diesem Artikel angesprochen werden, kann man sich leicht ausrechnen, was für ein "unendliches" Wissen vorhanden sein muss, um erfolgreich Brieftauben zu züchten und zu reisen.
Es ist wirklich wichtig, gerade als Anfänger, solche Beiträge zu lesen und insbesondere Züchter zu finden, die einen managen und bereit sind, einem das "Wichtige" beizubringen.
Mit diesem Kommentar möchte ich dich ermutigen, weiter solch wertvolle Beiträge zu schreiben. das ist echte Nachwuchsförderung im Taubensport!
Ludger Coersmeier